Ich bin auf einem Obsthof im Alten Land aufgewachsen, einem Familienbetrieb, der seit Jahrhunderten besteht. Wenn ich heute mit Geschäftsführer:innen über Datenstrategie spreche, denke ich öfter an diesen Hof, als mir selbst manchmal bewusst ist.

Ein Baum trägt nicht im ersten Jahr

Wer einen Apfelbaum pflanzt, bekommt im ersten Jahr keine Ernte. Oft nicht mal im zweiten oder dritten. Der Baum braucht Zeit, um Wurzeln zu schlagen, bevor er überhaupt an Früchte denken kann. Wer das nicht aushält und stattdessen jedes Jahr einen neuen Baum pflanzt, weil der alte "noch nichts bringt", hat am Ende eine Fläche voller junger Bäume und keine einzige Ernte.

Datenstrategie funktioniert genauso, nur merkt das kaum jemand, weil die Ungeduld sich anders tarnt. Sie sieht nicht aus wie Ungeduld. Sie sieht aus wie Tatendrang. Ein neues Dashboard. Ein neues KI-Tool. Ein neues Projekt, weil das alte nach drei Monaten noch keinen sichtbaren Nutzen gebracht hat. Und dann, ein Jahr später, steht man wieder am Anfang, nur mit einem Tool mehr im Portfolio und keinem einzigen Fundament, das trägt.

Das Fundament, das niemand sieht

Auf dem Hof sieht niemand die Wurzeln. Man sieht die Blüte im Frühjahr, die Ernte im Herbst. Die eigentliche Arbeit passiert unsichtbar, unter der Erde, lange bevor irgendetwas zu sehen ist.

In Unternehmen ist das genauso, nur heißt das Fundament hier Datenqualität, saubere Stammdaten, klare Verantwortlichkeiten. Das ist die Arbeit, die kein Vorstand auf einer Folie sehen will, weil sie nicht glänzt. Aber ohne sie trägt nichts. Ein KI-Pilotprojekt auf schlechten Daten ist wie eine Ernte auf einem Baum ohne Wurzeln, es sieht kurz vielversprechend aus und bricht dann zusammen, sobald es ernst wird.

Ich habe selten ein Unternehmen erlebt, bei dem das eigentliche Problem die fehlende KI-Kompetenz war. Fast immer lag das Problem woanders: Daten, die in zwanzig Systemen verstreut liegen. Niemand, der klar sagen kann, welche Zahl stimmt. CRM und ERP, die gepflegt werden müssten, aber die Verantwortung dafür einer anderen Abteilung zugeschoben wird. Das sind die Wurzeln, die fehlen. Und kein Tool der Welt ersetzt sie.

Was Ungeduld kostet

Auf dem Hof ist die Rechnung schmerzhaft einfach. Ein zu früh gerodeter Apfelbaum ist verschwendete Arbeit. In Unternehmen ist die Rechnung genauso hart, nur später sichtbar. Ein zu früh gestartetes KI-Projekt ohne Datengrundlage kostet nicht nur das Budget für das Projekt selbst. Es kostet auch das Vertrauen im Haus. Danach heißt es: "Das haben wir schon mal probiert, hat nicht funktioniert." Und der nächste Anlauf wird härter, nicht leichter.

Das ist der Grund, warum ich bei jedem neuen Mandat zuerst frage, wie es um die Grundlagen steht, bevor überhaupt über Anwendungsfälle gesprochen wird. Nicht, weil ich Anwendungsfälle unwichtig finde. Sondern weil eine Datenstrategie ohne dieses Fundament kein Fundament ist, sondern nur eine hübschere Art, das gleiche Problem zu verschieben.

Was das nicht bedeutet

Das heißt nicht, dass man jahrelang nur Grundlagen legen soll, ohne dass irgendetwas sichtbar wird. Ein Obsthof, der nie erntet, ist auch kein gutes Geschäftsmodell. Es geht darum, früh die kleinen, sicheren Früchte zu ernten, während die größeren Bäume noch wachsen. Ein erster, kleiner Anwendungsfall, der wirklich funktioniert, weil die Daten dahinter stimmen. Ein Prozess, der spürbar leichter wird, weil endlich jemand für die Stammdaten verantwortlich ist. Das baut Vertrauen auf, ohne die eigentliche Arbeit zu überspringen.

Was ich daraus mitnehme

Ich glaube, der Unterschied zwischen Unternehmen, die mit Daten und KI wirklich vorankommen, und denen, die von einem Pilotprojekt zum nächsten stolpern, liegt selten am Budget oder an der Technologie. Er liegt daran, ob jemand bereit ist, zuerst die Wurzeln zu pflegen, auch wenn das niemandem etwas zum Vorzeigen gibt. Wer nur auf die schnelle Ernte schaut, baut nichts Bleibendes auf. Wer sich Zeit für das Fundament nimmt, trägt am Ende länger, als er selbst erwartet hätte.